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love Jiddu Krishnamurti - Eifersucht

Die weiße Wand gegenüber blendete so in der Sonne, dass die Gesichter davon ganz dunkel erschienen. Ein kleines Mädchen setzte sich ohne Zutun der Mutter vertrauensvoll zu mir und verfolgte mit großen, neugierigen Augen das Treiben der Erwachsenen. Das Kind war frischgewaschen, sauber gekleidet und trug ein paar Blüten im Haar. Nach Kinderart verfolgte das kleine Persönchen genau alles, was vorging, ohne allzu viel davon in sich aufzunehmen. Ihre Augen glänzten, sie schien nicht recht zu wissen, ob sie lachen, weinen oder davonspringen sollte. Schließlich nahm sie meine Hand und betrachtete sie eine Weile mit einem ganz versunkenen Ausdruck. Plötzlich aber waren alle Menschen um uns herum vergessen, sie sank mit geschlossenen Augen zur Seite und entschlummerte mit dem Köpfchen auf meinem Schoß. Wie hübsch und wohlgeformt dieses Kinderköpfchen war, wie makellos rein dieser ganze kleine Mensch! Und doch hatte sie vom Leben um keinen Deut weniger an Wirrsal und Elend zu erwarten als alle anderen, die hier versammelt waren. Konflikt und Bitternis waren für sie so unvermeidlich wie das grelle Sonnenlicht auf der Mauer, denn es hätte ja überlegener Einsicht bedurft, um vor Schmerz und Elend bewahrt zu bleiben. Ihre Erziehung aber und die Einflüsse ihrer Umwelt sorgten bestimmt dafür, dass ihr solche Einsicht verwehrt blieb. Die Liebe, diese Flamme ohne Rauch, ist ja ein so seltenes Geschenk in dieser Welt. Flackert sie einmal auf, so gewinnt quälender, alles erstickender Qualm alsbald wieder die Oberhand und reizt die Augen zu Tränen. Durch all den Qualm hindurch ist die Flamme selbst kaum noch zu erspähen, und wenn er allzu dicht wird, erstickt sie am Ende ganz und gar. Ohne die Flamme der Liebe verliert alles Leben seinen Sinn und verwandelt sich in ein müdes, stumpfes Dahinbrüten. Wie aber sollte die Flamme weiterbrennen, wenn ihr der schwarze Qualm die Lebensluft nimmt? Beide können nicht zugleich bestehen, der Qualm muss aufhören, damit die Flamme brennen kann. Da die Flamme der Liebe keine Rivalen kennt, setzt sie sich auch nicht gegen den Qualm zur Wehr. Der Qualm ist nicht die Flamme und kann sie nicht in sich bergen, er ist kein Beweis dafür, dass sie brennt, denn die Flamme der Liebe brennt ohne Rauch.

»Gehen Liebe und Hass denn nicht Hand in Hand? Ist nicht die Eifersucht ein Zeichen echter Liebe? Wir halten uns an der Hand, um in der nächsten Minute miteinander zu schelten. Wir werfen uns harte Worte an den Kopf und sinken uns gleich darauf wieder in die Arme. Wir streiten uns, küssen uns, und alles ist wieder gut. Sollte das nicht Liebe sein? Nein, Eifersucht ist ein Zeichen von Liebe, beides geht Hand in Hand wie Licht und Finsternis. Flüchtiger Zorn und Liebkosung – machen sie nicht erst zusammen die ganze Fülle der Liebe aus? Auch der Fluss ist ja bald reißend, bald still, er fließt durch Schatten und Sonnenglanz und gewinnt doch erst durch diesen Wandel seine Schönheit.«

Was nennen wir denn Liebe? Umfasst sie etwa die ganze bunte Landschaft von Eifersucht und Lust, von harten Worten und Liebkosungen, von Hände halten, Zank und Versöhnung? Das alles begibt sich doch in diesem Reich der sogenannten Liebe. In ihrem weiten Gebiet ist also sowohl das Zürnen wie das Küssen etwas Natürliches und ganz Alltägliches, nicht wahr? Dabei versuchen wir, die verschiedenen Arten des gegenseitigen Verhaltens zueinander in Beziehung zu setzen oder die eine mit der anderen zu vergleichen. Wir sind es gewohnt, eine Äußerung aus dem Bereich unserer Gefühle zur Verurteilung oder Rechtfertigung einer anderen ins Feld zu führen oder sie mit irgendeiner anderen zu vergleichen, die außerhalb dieses Bereiches liegt. Wir lassen also kein Verhalten für sich gelten, sondern versuchen stets, eine Beziehung zu einem anderen Verhalten herauszufinden. Warum tun wir das eigentlich? Wir können doch ein Verhalten nur wirklich begreifen, wenn wir es vermeiden, ein anderes Verhalten aus dem gleichen Bereich als Mittel zu seinem Verständnis zu benutzen, was nur Konflikt und Verwirrung zur Folge hat. Warum setzen wir also die verschiedensten Verhaltensweisen aus demselben Bereich in vergleichende Beziehung zueinander? Warum übertragen wir den Sinn des einen Verhaltens so leichten Herzens auf ein anderes, um das eine mit dem anderen aufzurechnen oder eines durch das andere zu erklären?

»Ich beginne zu ahnen, worauf Sie hinauswollen. Aber warum tun wir das eigentlich?«

Können wir überhaupt einer Tatsache innewerden, solange wir sie durch das Siebgitter der Idee oder der Erinnerung betrachten? Werde ich etwa der Eifersucht inne, weil ich Ihre Hand gehalten habe? Dass ich Ihre Hand gehalten habe, ist ebenso ein Tatsache wie die Eifersucht. Kann ich aber Einsicht in das Wesen der Eifersucht erlangen, weil ich mich erinnere, Ihre Hand gehalten zu haben?

Hilft uns die Erinnerung überhaupt, eine Einsicht zu gewinnen? Die Erinnerung vergleicht, passt an, verurteilt, rechtfertigt und sammelt unter Begriffe, aber sie vermag uns keine Einsicht zu vermitteln. Wir gehen an alle Tatsachen und Äußerungen im Bereich der sogenannten Liebe mit Ideen und Grundsätzen heran. Warum nehmen wir die Tatsache der Eifersucht nicht einfach als solche hin und versuchen, sie in innerem Schweigen zu betrachten, statt das nun einmal Gegebene um und um zu drehen, bis es in die Schablone unserer Vorstellung passt? Der Grund ist der, dass wir gar nicht den Wunsch haben, der Eifersucht wirklich innezuwerden. Eifersucht kann ja so reizvoll sein wie eine Liebkosung, aber wir möchten ihren Reiz genießen, ohne den Schmerz und das Unbehagen in Kauf zu nehmen, die unweigerlich damit verbunden sind. Damit ist natürlich der Anlass zu Konflikt, Verwirrung und Widerstreit gegeben, und das alles innerhalb des Gefühlsbereichs, den wir mit dem Wort Liebe bezeichnen. Aber ist denn nun wirklich alles Liebe, was wir so zu bezeichnen pflegen? Ist Liebe eine Idee, ein Eindruck, ein Reiz? Ist Liebe etwa Eifersucht?

»Versteckt sich denn nicht alle Wirklichkeit hinter der Illusion? Ist nicht Leuchtendes stets von Dunkelheit umgeben und in ihrem Schatten wie verborgen? Hat nicht Gott selbst Knechtsgestalt angenommen?«

Das sind nur Ideen oder Ansichten, Gedankengebilde ohne Beweiskraft. Solche Ideen führen nur zu Zank und Feindschaft, mit der Wirklichkeit haben sie nichts zu tun. Wo Licht ist, da ist keine Dunkelheit. Wie wäre Dunkelheit je imstande, das Licht dem Blick zu verbergen – wo es dennoch so scheint, da ist in Wahrheit kein Licht. Wo Eifersucht ist, da ist keine Liebe. Die Idee wird der Liebe nicht gerecht. Um einem anderen gerecht zu werden, bedarf es der Beziehung, da aber Liebe keine Beziehung zur Idee hat, kann ihr diese auch nicht gerecht werden. Liebe ist eine Flamme ohne Rauch.

Jiddu Krishnamurti - Gedanken zum Leben text 52