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love Jiddu Krishnamurti - Einsamkeit

Ihr Sohn war erst kürzlich gestorben, und sie sagte, das Leben habe nun keinen Sinn mehr für sie. Sie habe so viel übrige Zeit, empfinde solche Langeweile und sei so müde und kummerbeladen, dass sie am liebsten selbst gestorben wäre. Ihr Sohn sei ihr Ein und Alles gewesen, sie habe ihn liebevoll, sorgsam und klug erzogen, er habe die besten Schulen besucht und sei zuletzt noch im College gewesen. Obwohl ihr alles zum Leben Nötige reichlich zur Verfügung stehe, habe sie ihn nicht verwöhnt. Sie habe ihren Glauben und ihre Hoffnung auf ihn gesetzt und ihm ihre ganze Liebe geschenkt, die er mit niemand zu teilen brauchte, da sie schon seit längerer Zeit von ihrem Mann getrennt lebe. Dieser geliebte Sohn sei nun an einer Operation gestorben, die auf einer Fehldiagnose beruhte, obwohl, wie sie wehmütig lächelnd hinzufügte, die Ärzte behauptet hätten, der Eingriff sei ›erfolgreich‹ verlaufen. Jetzt war sie allein, und das Leben erschien ihr offenbar sinn- und zwecklos. Als er tot war, hatte sie so lange geweint, bis sie keine Tränen mehr hatte und nur noch eine dumpfe, müde Leere in sich fühlte. Sie hatte sich ihre gemeinsame Zukunft in den schönsten Farben ausgemalt, jetzt aber war sie ganz und gar verloren und verlassen.

Die Brise wehte kühl und erfrischend von der See herein, und unter dem Baum herrschte eine wunderbare Ruhe. Die Berge standen in blanken Farben gegen den Himmel, und die blauen Eichelhäher waren besonders geschwätzig. Eine Kuh wanderte, gefolgt von ihrem Kalb, gemessenen Schrittes vorüber, ein Eichhörnchen raste unter aufgeregtem Geschnatter an einem Stamm hinauf. Dort saß es dann immer noch erregt scheltend, auf einem Ast. Sein Schelten wollte kein Ende nehmen, sein Schweif wippte dazu unaufhörlich auf und ab. Es hatte lebhaft glitzernde schwarze Augen, seine Pfoten waren mit nadelspitzen Krallen bewehrt. Eine Eidechse kroch aus ihrem Versteck hervor, um sich an der Sonne zu wärmen, und fing eine vorübersummende Fliege. Die Wipfel wiegten sich sachte im Wind, ein abgestorbener Baum stand stolz und kerzengerade gegen den Himmel. Die Sonne hatte ihn im Lauf der Jahre gebleicht. Neben ihm stand dunkel und gekrümmt ein zweiter toter Stamm, dessen Verfall noch nicht so weit fortgeschritten war. Zu Häupten der Berge ruhten still ein paar weiße Wolken.

Wie seltsam ist es um die Einsamkeit bestellt, wie schreckensvoll ist sie für unser Bewusstsein! Wir wagen es nicht, ihr zu nahe zu kommen, und wenn es uns dennoch einmal widerfährt, dann fliehen wir sie Hals über Kopf. Um der Einsamkeit zu entgehen oder uns davor zu verstecken, sind wir zu allem bereit. Ein bewusstes oder unbewusstes Vorurteil scheint der Grund dafür zu sein, dass wir sie so ängstlich meiden oder zu überwinden suchen. Dabei ist das eine wie das andere ein vergebliches Beginnen. Ob wir sie künstlich unterdrücken, ob wir keine Notiz von ihr nehmen, der Schmerz, das Problem bleibt bestehen. Du kannst dich in der Masse Mensch verlieren und dabei doch völlig einsam sein, du magst Tag und Nacht tätig sein, und doch schleicht sich die Einsamkeit leise an dich heran; lege dein Buch, deine Arbeit weg, und sie ist da. Vergnügungen und Alkohol können ihr nicht den Garaus machen, vielleicht schlägst du ihr durch solche Mittel für Stunden oder Tage ein Schnippchen, ist aber erst das Gelächter verklungen und der Alkohol verraucht, dann überfällt sie dich wieder mit ihrer Angst. Du magst ehrgeizig und erfolgreich sein, magst gewaltige Macht über andere in Händen haben, magst reich an Wissen sein, magst als frommer Mensch in der Wortflut eines Rituals Vergessen suchen, das alles kann dir nichts helfen, das Weh der Einsamkeit will nicht weichen. Und wenn du nur für deinen Sohn, für den großen Meister oder für die Früchte deiner eigenen Begabung lebst, so kann es dir doch geschehen, dass sich die Einsamkeit wie eine finstere Nacht auf dich herabsenkt. Du magst je nach Veranlagung und seelischem Bedürfnis lieben oder die Liebe meiden, hassen oder den Hass unterdrücken, ganz gleich, die Einsamkeit ist da, sie zieht sich vielleicht zuweilen zurück, aber dann liegt sie nur sprungbereit auf der Lauer, um dich im nächsten Augenblick zu überfallen.

Sich einsam fühlen, heißt seines Abgesondertseins innewerden – leistet aber nicht unser ganzes Tun und Treiben der Absonderung des Ichs Vorschub? Unsere Gedanken und Gefühle sind zwar auf die Umwelt gerichtet, aber wirken sie, so wie sie sind, nicht eher abstoßend und trennend als einigend? Sind wir nicht darauf bedacht, in jeder unserer Beziehungen unser Übergewicht, unser Recht, unseren Besitz zur Geltung zu bringen, und fordern wir damit nicht zum Widerstand heraus? Betrachten wir nicht schon die Arbeit als ›deine‹ und ›meine‹? Binden wir uns nicht an Kollektive, Vaterländer oder ›die Wenigen, die unseresgleichen sind‹? Ist es nicht unser ganzes Bestreben, uns abzusondern, die Menschen zu teilen und voneinander zu trennen?

Alle Tätigkeit des Ichs als solche ist schon Absonderung von jedem anderen Ich, und Einsamkeit ist das Bewusstwerden dieser Absonderung, wenn die Tätigkeit ruht. Tätigkeit im körperlichen oder geistigen Sinne verschafft dem Ich die gewünschte Ausweitung und Erhöhung, sobald aber jede Tätigkeit aufhört, wird es sogleich seiner eigenen Leere gewahr. Diese Leere mit mehr oder weniger wertvollem Inhalt zu füllen, beschäftigt uns unser ganzes Leben lang.

Es mag scheinen, als ob der Gesellschaft aus diesem Streben kein Schaden erwachsen könnte, so lange es dabei um echte Werte geht, aber in Wirklichkeit ist es eben doch so, dass auch diese Illusion unsagbares Leid und sicheren Untergang heraufbeschwört, obwohl solche Folgen vielleicht nicht sofort erkennbar werden. Das Verlangen, die Leere auszufüllen – oder ihr zu entfliehen, was ja dasselbe ist – kann weder unterdrückt noch irgendwie sublimiert werden, denn wer sollte es unterdrücken oder sublimieren? Ist nicht dieser ›Wer‹ nur das Verlangen selbst in anderer Gestalt? Das Ziel des Verlangens mag wechseln, aber bleibt das Verlangen als solches darum nicht doch das gleiche? Dein Verlangen mag sich vom Alkohol abkehren und fortan auf die höchsten und edelsten Dinge richten, solange du nicht zur Einsicht über Wesen und Ursprung des Verlangens selbst gelangst, ist Illusion unvermeidlich.

Es gibt kein Wesen außerhalb des Verlangens und getrennt von ihm, es existiert also nur das Verlangen schlechthin, ohne einen, der verlangt. Dieses Verlangen kleidet sich im Lauf der Zeit je nachdem vorwiegenden Interesse in die verschiedensten Gestalten, und die Erinnerung häuft seine alten Wunschziele auf und hält sie vergleichsweise dem zur Zeit geltenden vor. Hieraus entsteht natürlich Konflikt, und zugleich wird bei diesem Vorgang der ›Wählende‹ ins Leben gerufen, der sich als ein besonderes und vom Verlangen selbst zu unterscheidendes Wesen fühlt. Aber dieses Wesen ist nichts anderes als seine Eigenschaft. Das Wesen, das da versucht, sein leeres, abgeschmacktes, einsames Dasein zu erfüllen oder aus ihm in ein anderes zu entfliehen, ist selbst dieses Dasein, das ihm so unerträglich scheint. Kein Mensch kann vor sich selbst davonlaufen, das einzige, was ihm übrigbleibt, ist, sich selbst kennen und verstehen lernen. Er ist seine Einsamkeit, seine Leere, und solange er in ihnen etwas anderes, von ihm Getrenntes erblickt, steckt er in der Illusion und ihren endlosen Konflikten. Nur wenn er unmittelbar erlebt, dass er seine eigene Einsamkeit ist, kann er Freiheit von Furcht erlangen. Furcht besteht nur in der Beziehung zu einer Idee, jede Idee aber ist eine Reaktion der Erinnerung in Form eines Gedankens. Alles Denken entspringt der Erfahrung, es kann wohl über den Begriff der Leere nachgrübeln, kann Eindrücke sammeln, die sich auf sie beziehen, aber es kann die Leere nicht unmittelbar erleben. Das Wort ›Einsamkeit‹ mit seinen Erinnerungen an Schmerzen und Ängste verhindert, dass die Einsamkeit selbst von neuem erlebt wird. Das Wort ist Erinnerung, und wenn sich das Wort nicht mehr dazwischenschaltet, erfährt die Beziehung zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten eine grundlegende Änderung. Von da an ist diese Beziehung unmittelbar und nicht mehr durch das Wort, die Erinnerung übersetzt. So ist der Erlebende eins mit seinem Erlebnis und damit auch frei von Furcht.

Liebe und innere Leere können nicht unter einem Dache wohnen. Wo das Gefühl der Einsamkeit herrscht, gibt es keine Liebe. Deine innere Leere mag sich hinter dem Wort ›Liebe‹ verborgen halten, sobald aber der Gegenstand der Liebe nicht mehr da ist oder die Liebe nicht erwidert, wird die Leere sogleich offenbar, und die Selbsttäuschung fällt in sich zusammen. Wir gebrauchen das Wort ›Liebe‹ als Mittel zur Flucht vor uns selbst und unserem Ungenügen. Wir klammern uns an den Menschen, den wir lieben, wir sind eifersüchtig, er fehlt uns, wenn er nicht da ist, wir fühlen uns von Gott und der Welt verlassen, wenn er stirbt. Und dann suchen wir uns sogleich auf irgendeine andere Weise zu trösten, etwa durch einen Glauben oder durch ein Surrogat. Ist denn das alles Liebe? Liebe ist keine Idee, kein Ergebnis einer Kette von Überlegungen, sie taugt nicht als Zuflucht vor unserer eigenen Kleinheit. Wenn wir sie dennoch dazu missbrauchen, dann schaffen wir dadurch Probleme, für die es keine Lösung gibt. Liebe ist keine Abstraktion, aber ihre Wirklichkeit können wir nur erleben, wenn wir uns nicht mehr von unseren Gedanken und Vorstellungen beherrschen lassen.

Jiddu Krishnamurti - Gedanken zum Leben text 42